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Die kollektive Unschuld

Lesung: Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde

„Wenn man 1945 den Begriff Kollateralschaden schon gehabt hätte, müssten wir uns heute über Erika Steinbach und Dresden nicht mehr unterhalten“ (frei nach Hagen Rether)

Seit Jahren gedenken am 9. November Antifaschistinnen und Antifaschisten den Opfern der Pogrome im Jahr 1938. Bundesweit finden an diesem Tag Mahnwachen, Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen statt. Nicht so im Jahr 2009. Anstelle eine stillen Gedenkens fallen sich am Brandenburger Tor zwei „Riesen“, gefolgt von Deutschland, in die Arme. Die Einheit Deutschlands übertönt am 9. November 2009 die Erinnerung an die Opfer der Shoah.

Leider ist dies kein Einzelfall, ein seelisch moralisch verwerflicher Fauxpas der einer unglücklichen Terminüberschneidung geschuldet ist, sondern symptomatisch für den Wandel der deutschen Erinnerungskultur. Die „Schlussstrich“-Rhetorik rechtskonservativer Kräfte hat die Mitte der Gesellschaft erreicht und ist bei Samy Deluxe angekommen.

Eine zweite Tendenz im bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs kann folgender Maßen benannt werden: Man ist zwar darauf bedacht, nicht offensichtlich die Schuld an den Ereignissen des 2. Weltkriegs abzustreiten, doch werden Täter_innen Schritt für Schritt zu Opfern mythologisiert. „Die öffentliche Auseinandersetzung mit den konkreten Verbrechen des Faschismus tritt hinter der deutschen Opfererinnerung zurück“, so werden etwa die Vertriebenen in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten zu „Hitlers letzte(n) Opfer(n)“ umgedeutet.

Massentauglich ist auch die Entwicklung dahin gehend, dass die deutsche Opfererinnerung die Opfer des Faschismus und die des Realsozialismus zumindest institutionell gleich setzt. Das Gedenkstättenkonzept des Bundes beispielsweise sieht einen stärkeren Fokus auf DDR-Gedenkstätten vor, was gleichbedeutend mit einer Abwertung von NS-Gedenkstätten im finanziellen Kontext ist. Die Aufweichung der Singularität des Holocaust durch Vergleiche und Gleichsetzungen wird so unweigerlich im Sinne der Totalitarismustheorie voran getrieben.

Und als ob die genannten miteinander in Beziehung stehenden Tendenzen in der öffentlichen Auseinandersetzung noch nicht genug wären, treiben es am 13. Februar tausende von Neonazis in erschreckender geistiger Nähe mit Dresdener Bürger_innen („Sie tun das richtige aus den falschen Gründen“) auf die Spitze: Nicht nur werden vermeintliche Opfer des alliierten Bombenangriffs konstruiert, sondern diese von Einigen auch noch benutzt um eine Aufrechnung mit den Opfern des Holocaust zu erreichen. Dresden gilt heute als Symbol deutscher Unschuld. Gunnar Schubert zerlegt in seinem Buch „Die große Unschuld“ den „great Dresden swindle“ in seine Bestandteile und stellt die einzelnen Lügen (die „militärisch sinnlosen Terrorangriffe“, die Tiefflieger, die Zahl der Toten) den Tatsachen gegenüber.

 

Termin 26.01.2010 20:00
Veranstalter Öttinger Villa
Ort Ötinger Villa
Veranstaltungs-Art Lesung

 
last modified 24.01.2010 16:19
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Erstellt von Uli Franke mit Plone
Politnetz-Logo by Claudia Lehmann