"ein recht direktes völkchen"?
Kulturwissenschaftliche Betrachtung der Pogrome und der Gegenaktionen am Flüchtlingsheim in Mannheim-Schönau
Veranstaltung, Lesung und Videoprojektion mit dem Autor Matthias Möller im Rahmen der Gegenbuchmasse
Im Frühsommer 1992 attackierten Bewohner des Mannheimer Stadtviertels Schönau tagelang das dortige Flüchtlingsheim. Dies löste auch überregional entschiedene Solidarität mit den Flüchtlingen aus. Die Schönauer Ereignisse fanden im zeitlichen Umfeld neonazistischer Pogrome und rassistischer Morde (Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln etc.) statt. Vor diesem Hintergrund beleuchtet der Tübinger Kulturwissenschaftler Matthias Möller die unterschiedlichen Konfliktdarstellungen beteiligter Akteure (Polizei, Presse, Stadtverwaltung, Schönauer Bürger, Antifa-Gruppen u.a.). Losgelöst vom hektischen Aktivismus einer akuten Bedrohungssituation nimmt seine fesselnde Recherche die Ereignisse detailliert in den Blick.
"Selten habe ich unseren Widerstand so hilflos erlebt, selten kamen mir unsere Reaktionen so symbolisch und wirkungslos vor. Wir konnten die Angriffe auf Flüchtlingsheime nicht verhindern, und die meisten Gegendemonstrationen, Tage oder Wochen später, hatten etwas Gespenstisches und lächerlich Drohendes. Wir haben mehrere Demonstrationen in Mannheim-Schönau mitorganisiert, wo ein Flüchtlingsheim mehrere Tage belagert wurde. Die Antifa- und antirassistischen Gruppen vor Ort sahen sich nicht in der Lage, eigenständig zu agieren. Es wurde regional mobilisiert, um überhaupt das Zutrauen zu stärken, dort zu intervenieren. Das Gefühl jedoch, sich auf feindlichem Terrain zu bewegen, blieb, und die Erfahrung, eigentlich alle und alles gegen sich zu haben, begleitete einen auf Schritt und Tritt: von der dort regierenden SPD angefangen, über die Mehrheit der Bevölkerung in der angrenzenden Arbeitersiedlung bis hin zur Polizei." (l.u.p.u.s. in: Zeck Nr. 76, Januar/Februar 1999)
Die in dem Buch von Matthias Möller behandelten Ereignisse in Mannheim-Schönau jähren sich 2007, ebenso wie andere Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte des Jahres 1992, zum 15. Mal. Obwohl die Gewalt gegen Flüchtlinge zum Beispiel in Rostock-Lichtenhagen oder Mölln weitaus größere Ausmaße und schlimmere Folgen zeitigte, hat gerade der Fall Mannheim-Schönau durchaus exemplarischen Charakter für die Welle pogromartiger Gewalt gegen Flüchtlinge der 1990er Jahre und die daraus entstandenen Diskussionen um antifaschistische Gegenwehr. Anhand von Video-Material, der Nachzeichnung damaliger Diskurse und Auseinandersetzungen und der von den Beteiligten gezogenen Konsequenzen schlägt Matthias Möller den Bogen zu der leider auch heute noch aktuellen Frage des Umgangs mit kollektiver Gewalt gegen Flüchtlinge aus emanzipatorischer Perspektive.
Matthias Möller, Jahrgang 1976, studierte an der Uni Tübingen Empirische Kulturwissenschaft, Soziologie und Informatik. Er ist seit den 1990er Jahren aktiv in der Antifa und anderen sozialen Bewegungen.
Buch zu der Veranstaltung:
| Termin | 10.10.2007 01:00 |
|---|---|
| Veranstalter | kein mensch ist illegal, anti nazi koordination |
| Ort |
Foyer des Justus Liebig Hauses
Große Bachgasse 2 |
| Veranstaltungs-Art | Informationsveranstaltung, Filmvorführung, Lesung |
last modified 17.09.2007 19:10